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[ Rezension ] Ford Madox Ford: Die allertraurigste Geschichte

Die allertraurigste Geschichte

Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir vom Verlag für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Ford Madox Ford Die allertraurigste Geschichte’: Diogenes Verlag
© Foto: A.M. Gottstein

Handlung

“Am Vorabend des Ersten Weltkriegs verbringen die Ehepaare Ashburnham und Dowell alljährlich glückliche Tage in Bad Nauheim. Erst nach dem Tod seiner Frau entdeckt John Dowell, dass der Schein in all den Jahren getrogen hat, und er beginnt, den wahren Charakter seiner Freunde und seiner Frau zu erkennen. Ein bewegender Roman, der den Leser mit jedem seiner betörenden Sätze tiefer in das Labyrinth der menschlichen Seele lockt.”

(Klappentext)

Ein paar Worte über den Autor

Ford Madox Ford (1873 – 1939) ist als Person bekannter als sein Werk.

Wer kennt heute noch seine etwa dreißig Romane – oder seine zahlreichen anderen Werke, wie Biografien, Gedichte, Reisetagebücher oder Essays? Dabei war er einst eine überlebensgroße Persönlichkeit in der englischen Literaturszene! So schrieb er zum Beispiel mit Henry James, war befreundet mit Joseph Conrad und Ernest Hemingway und förderte den noch unbekannten Ezra Pound.

Als Verleger und Kritiker war er allerdings damals schon erfolgreicher als als Schriftsteller.

Sein 1915 erschienener Roman “Die allertraurigste Geschichte” wird von vielen modernen Kritikern als herausragendes Werk der frühen englischen Moderne gesehen, nicht umsonst jedoch erschien eine Auflage der deutschen Übersetzung im Jahr 2015 in der “ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher”.

Und ist das nicht die allertraurigste Geschichte?

(K)ein schöner Apfel

Meine Meinung

Ach, was sind die Sommer in Bad Nauheim doch idyllisch, wie innig und herzlich ist die Freundschaft der beiden Ehepaare Ashburnham und Dowell! So zumindest erscheint es dem Leser auf den ersten Seiten des Buches. Der Erzähler, John Dowell, singt das Loblied dieser Idylle dermaßen kitschig überschwänglich, dass man sich beinahe in einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung wähnt und die leisen Misstöne fast überlesen könnte.

Edward Ashburnham und seine Frau Leonora, John Dowell und seine Frau Florence. Über neun Jahre hinweg ergibt die Freundschaft der beiden Paare eine hübsche Kulisse – ein Musterbild von Gutbürgertum und Sittsamkeit.

Doch das schöne Bild täuscht.

Dahinter verbergen sich Ehebruch und Täuschung, was letztendlich tragische Konsequenzen hat. Die Geschichte eskaliert zunehmend, jedoch spielt sich das – man muss ja das Gesicht wahren! – hinter den Kulissen ab.

“Denn wenn wir in meinen Augen vier Leute mit demselben Geschmack, mit denselben Wünschen waren, Leute, die einmütig handelten – oder nein, nicht handelten –, die einmütig hier und dort beisammensaßen, so soll das nicht die Wahrheit sein? Wenn ich neun Jahre lang einen schönen Apfel habe, der im Inneren faul ist, und seine Fäulnis erst nach neun Jahren und sechs Monaten minus vier Tage entdecke, darf ich dann nicht sagen, ich hätte neun Jahre lang einen schönen Apfel gehabt?”

(Zitat)

Oder besser gesagt:

John muss feststellen, dass jeder außer ihm schon lange begriffen hat, was für eine Farce diese hübsche Fassade ist.

Er muss sein ganzes Leben neu interpretieren – alles, was ihm lieb und teuer ist, erweist sich als Trug und Wahn, die reinsten Seelen entpuppen sich als blanker Hohn. John ringt um die Wahrheit und sträubt sich zugleich dagegen, die Geschichte wird zum unaufhaltsamen Absturz in die Selbsterkenntnis.

Je zorniger John wird, desto mehr schärft sich sein Blick.

Die Handlung wird episodenhaft erzählt und springt dabei vorwärts und rückwärts in der Zeit Dabei bleibt vieles zunächst ungesagt und wird dann später im Buch wieder aufgegriffen oder korrigiert. John erweist sich dabei immer mehr als Inbegriff des unzuverlässigen Erzählers. 

Das ist ein Stilmittel, das ich sehr schätze, wenn es gut geschrieben ist – und in meinen Augen ist es das hier. 

Bis zum Schluss lässt sich nicht mit absoluter Gewissheit sagen, was man John glauben kann und was nicht. Ist er wirklich so unsäglich naiv, dass er neun Jahre lang nicht begreift, was vor sich geht? 

Als Leser kann man nur spekulieren. Klar ist: dies ist weniger als die reine Wahrheit. Aber was ist Täuschung, was Selbsttäuschung?

Oberflächlich betrachtet geschieht nicht viel – zumindest nichts, was man heutzutage nicht als trivial betrachten würde. Dies ist keine Geschichte mit klassischem Spannungsbogen. Ford Madox Ford erzählt eine Geschichte der leisen Nuancen, der Zwischentöne, sogar des Ungesagten.

Ein zentrales Thema des Buches ist die Doppelmoral der Gesellschaft – die frappante Diskrepanz zwischen Schein und Sein.

Als Bild einer vergangenen Zeit und ihres Wertesystems ist der Roman meines Erachtens bestechend.

Erzählt wird die Geschichte meist im jovialen Plauderton, dabei zeigt John durchaus auch Humor. Interessant erschien mir vor allem der Gegensatz zwischen diesem lockeren, heiteren Schreibstil und dem leisen Unglück, unter dem die Charaktere zunehmend leiden. 

Fazit

Dieses Buch wurde im Jahr 1915 zum ersten Mal veröffentlicht. Darin erzählt ein Erzähler, dem man nicht alles glauben kann, eine Geschichte von Ehebruch, Täuschung und Tragödie. 

In meinen Augen brilliert die Geschichte damit, wie die Kollision von Sein und Schein geschildert wird, und das in leisen Tönen. Der Erzähler muss feststellen, dass alles, was ihm wichtig war, sich als Lüge herausstellt. 

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Wertung 95 Prozent
 
TitelDie allertraurigste Geschichte
OriginaltitelThe Saddest Story
The Good Soldier
(je nach Auflage)
Autor(in)Ford Madox Ford
Übersetzer(in)Gertraude Krueger
Helene Henze
Fritz Lorch
Verlag*Diogenes
ISBN*9783257070385
Seitenzahl*320
Erschienen am*28. November 2018
GenreKlassiker
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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