Lesegelaber

[ Lesegelaber ] Über den Unhaul

Lesegelaber Über den Unhaul

Dieser Beitrag erschien im Februar 2017 auf meinem alten Blog auf Blogspot (seit April 2018 nicht mehr aktiv).

Definition

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[ Haul, der ] Eng. (u.A.): Beute, Diebesbeute, reiche Beute

Unter Viellesern (insbesondere Buchbloggern¹ und Booktubern²) verwendeter Begriff für das Kaufen von Büchern oder das Präsentieren neu angeschaffter Bücher.
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1: Menschen mit einem Blog, der sich hauptsächlich mit Büchern beschäftigt
2: Menschen mit einem Youtube-Kanal, der sich hauptsächlich mit Büchern beschäftigt

Wenn ein Haul also ein triumphaler Siegeszug ist, bei dem die eroberte Beute stolz präsentiert wird, was ist dann ein Unhaul? Normalerweise dreht das Piratenschiff schließlich nicht wieder um, weil die Piraten beschlossen haben: Och, also, eigentlich brauchen wir den ganzen Kram ja doch nicht.

Aber im Grunde trifft es das ganz gut, denn:

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[ Unhaul, der ]  (s. Haul, der)

Unter Viellesern (insbesondere Buchbloggern¹ und Booktubern²) verwendeter Begriff für das gleichzeitige Aussortieren mehrerer gelesenen (ganz oder teilweise) oder ungelesenen Bücher.
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1: Menschen mit einem Blog, der sich hauptsächlich mit Büchern beschäftigt
2: Menschen mit einem Youtube-Kanal, der sich hauptsächlich mit Büchern beschäftigt

Mögliche Gründe für einen Unhaul

Bei (an)gelesenen Büchern geht es oft um DNFs³  oder Bücher, die der Besitzer absolut grottenschlecht fand – oder einfach die Notwendigkeit, Platz zu schaffen für neue Bücher. Das wird von Lesern des Blogs / Zuschauern des Kanals meist ohne größere Nachfragen akzeptiert, und es erfolgt für gewöhnlich auch kein Rechtfertigungsversuch seitens des Besitzers.

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3: DNF = Did Not Finish, ‘wurde nicht beendet’, also abgebrochene Bücher (für gewöhnlich wegen Missfallens) Siehe: Über das Abbrechen

Bei ungelesenen Büchern kann es natürlich auch eine Vielzahl von Gründen geben. Man hat vielleicht inzwischen viel Schlechtes über das Buch gehört und daher keine Lust mehr darauf, vielleicht hat sich auch der Lesegeschmack in der Zeit seit dem Kauf verändert, vielleicht war es von Anfang an ein Fehlkauf oder man hat aus irgendeinem anderen Grund das Interesse verloren…

Oder vielleicht hat der SUB4  einfach so überhand genommen, dass die Regale nicht mehr ausreichen oder der Leser sich ausgerechnet hat, dass er ~21 Jahre brauchen würde, um die Bücher alle zu lesen (vorausgesagt, er kauft sich bis dahin keine neuen mehr).

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4: SUB = Stapel Ungelesener Bücher, siehe: Über die Schande

Einfluss des Kaufverhaltens

Seiten wie RebuyMedimops oder Arvelle, die gebrauchte Bücher zu einem Bruchteil ihres Neupreises anbieten, sind für Vielleser sehr verlockend. Sonderangebote, Aktionspakete und kostenfreier Versand ab x Euro verleiten dazu, weitaus mehr Bücher in den Warenkorb zu legen als geplant, und dabei ist die Hemmschwelle geringer, Bücher auch bei nur halbherzigem Interesse zu kaufen.

In Zeiten von Social Reading5  ist es auch so, dass Lesen von einem eher isolierten Hobby zu einem Hobby mit regem Austausch geworden ist, und da kann sich Begeisterung für ein Buch (und damit der Wunsch, es zu kaufen) ausbreiten wie ein Flächenbrand. Ich kann gar nicht mehr abschätzen, wie viele meiner 399 (!!)  ungelesenen Bücher hier stehen, weil ein Buchblogger oder Booktuber sie überschwänglich gelobt hat6.

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5: Austausch über Bücher, Lesewochenenden und sonstiges gemeinschaftliches Lesen über soziale Medien
6: Siehe: Über den Hype

Was tun mit den aussortierten Büchern?

Wer schon mal versucht hat, Bücher zu verkaufen, weiß, dass es im Normalfall ein Verlustgeschäft ist. Irgendwie logisch – ich habe ja eben schon Onlineshops erwähnt, bei denen man Bücher zu einem Bruchteil des Neupreises bekommt, und die zahlen im Ankauf natürlich wiederum nur einen Bruchteil des Bruchteils. Auch auf Ebay bekommt man meist nicht viel für ein gebrauchtes Buch.

Hier ein paar andere Möglichkeiten:

Spenden: Oft akzeptieren Volkshochschulen, Altenheime, Kindergärten und ähnliche Anlaufstellen auch Buchspenden. Im Moment werden mancherorts zum Beispiel besonders Bücher für Flüchtlinge in einfachem Deutsch gesucht, aber auch gerne Bücher in englisch oder anderen Sprachen.

Verschenken: Das benötigt wohl keine weitere Anleitung!

Tauschen: Hier gibt es die verschiedensten Möglichkeiten. Es gibt spezielle Tauschbörsen wie Tauschticket, auf Facebook gibt es diverse Gruppen wie Bücher verkaufen, tauschen und vieles mehr, viele Blogger haben auf ihren Buchblogs eine Seite, wo sie Bücher zum Tausch anbieten…

Gewinnspiel: Wenn man einen eigenen Blog oder Youtube-Kanal hat, sind Bücher, die man nicht mehr haben möchte, natürlich großartig für ein kleines Gewinnspiel und damit ein bisschen Publicity – allerdings sollte man die Wirkung nicht überschätzen, denn es gibt viele Leute, die Gewinnspiele im großen Stil abgrasen, dann aber nicht als Leser / Zuschauer bleiben.

Reaktionen auf einen Unhaul

Bei einem Unhaul ist es oft so, dass der Beitrag / das Video in etwa folgendermaßen beginnt:

»Es tut mir echt soooo leid, ich weiß, dass viele von euch diese Bücher lieben…«
»Ich hoffe wirklich, ihr nehmt es mir nicht übel…«
»Ich entschuldige mich bei den Fans…«
»Das ist bestimmt eine kontroverse Entscheidung, aber… «

Da stellt sich mir die Frage: ist diese Entschuldigung wirklich notwendig? Und wofür entschuldigt sich derjenige eigentlich genau?

Entschuldigt er sich dafür, dass sein Lesegeschmack offensichtlich nicht dem der Mehrheit entspricht? Das sollte nun wirklich keine Entschuldigung erfordern, denn wir können und müssen nicht alle das gleiche mögen, und gerade die Vielfalt ist es doch, die Literatur so spannend macht.

Entschuldigt er sich dafür, dass er die Bücher nicht genug wertschätzt? Macht auch irgendwie keinen Sinn, denn wenn sie ungelesen und ungeliebt im Regal verstauben, ist das ja nicht besser. Außerdem findet das Buch nach einem Unhaul vielleicht einen neuen Besitzer, dem es besser gefällt.

Entschuldigt er sich für sein maßloses Konsumverhalten? Zugegeben: bei manchen Bloggern hat man das Gefühl, sie würden am besten eine Drehtür für die diversen Post- und Paketboten einbauen.

Man kann sich schon ein bisschen wundern, wenn sie einen umfangreichen Haul nach dem anderen posten, nur um dann alle paar Monate die Hälfte dieser Bücher wieder ungelesen rauszuschmeißen. Aber die Sache ist doch die: es ist ihr Geld, es sind ihre Bücher, es ist ihre Entscheidung. Punkt, Aus, Ende.

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7: Siehe: Über das Belesensein

Meine Einstellung dazu

Ein Unhaul kann etwas sehr Befreiendes sein, und auch ein guter Anlass, das eigene Konsumverhalten mal unter die Lupe zu nehen.

Als ich 2013 mit dem Buchbloggen angefangen habe, bin ich erstmal dem Kaufrausch verfallen. Überall entdeckte ich tolle Bücher, die ich einfach haben musste, oder Sonderangebote, denen ich nicht widerstehen konnte, und dabei verlor ich total aus den Augen, dass 1 Buch, das mich wirklich anspricht, besser ist als 100, die mich eigentlich gar nicht interessieren.

Außerdem hat mein Lesegeschmack sich in den letzten Jahren sehr stark verändert. Ich lese kritischer, ich lese andere Genres, und die Bücher, die ich noch vor ein paar Jahren grandios fand, reizen mich heute zum großen Teil gar nicht mehr.

Wenn ich mir vor dem letzten Unhaul meine Regale anschaute, sah ich Bücher über Bücher, die ich gar nicht mehr lesen wollte – aber da sie nun mal da standen, fühlte ich mich irgendwie verpflichtet. Und das hatte etwas Lähmendes, so dass ich meinem SUB lieber ganz aus dem Weg ging und stattdessen neue Bücher kaufte. Ein echter Teufelskreis.

Es hat dann sogar richtig Spaß gemacht, alle Bücher aus den Regalen zu ziehen und in drei Stapel aufzuteilen: ‘will ich auf jeden Fall lesen’, ‘will ich vielleicht lesen’ und ‘hab ich gar keinen Bock mehr drauf’. Beim Sortieren dachte ich über mein Kaufverhalten und meinen Lesegeschmack nach. Der dritte Stapel wurde gnadenlos rausgeschmissen. Verkauft, verschenkt, vertauscht, Hauptsache weg.

Ärgere ich mich über das Geld, dass ich für Bücher ausgegeben habe, die dann gar nicht gelesen habe? Ein bisschen. Aber ich denke, ich habe daraus gelernt. Inzwischen ziehen zwar immer noch regelmäßig Bücher hier ein, aber nicht mehr so massenhaft und unreflektiert.

Seitdem liebe ich meinen SUB wieder. Denn er ist mit 399 Büchern zwar immer noch sehr groß, aber wenn ich mir jetzt das Regal anschaue, sehe ich nur Bücher, die ich noch lesen möchte.

Wie sieht es bei euch aus?

Ziehen Bücher auch mal wieder aus, oder bietet ihr jedem Buch ein “forever home”?

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Bisherige Beiträge in der Rubrik Lesegelaber:

Über den Hype
Über das Belesensein
Über das Abbrechen
Über die Schande
Über die Trennung
Über das Verfallsdatum
Über das Lesezeichen
Über das soziale Lesen
Über den Leistungsdruck
Über die Leserille
Über die Diversität
QualiFiction – Innovation oder Ende der Originalität?

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Liebe Grüße,
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4 thoughts on “[ Lesegelaber ] Über den Unhaul

  1. Hallo Mikka,
    das Wort Unhaul war mir bisher nicht geläufig, aber es ist eine Interessante Sache.
    Bisher habe ich mir aber auch noch nie Unhaul-Videos angeschaut und Bücherhauls kannte ich bisher gar nicht. Die meisten Videos zum Thema habe ich darüber hauptsächlich bei Mode- und Beautyblogs gesehen, aber wegen Desinteresse habe ich mir diese Videos aber auch nicht angeschaut.
    Ich unhaule relativ häufig…eigentlich behalte ich nur noch Bücher mit Signatur oder alte Bücher.
    Der Rest kommt in den Bücherschrank, da kann sich dann jeder bedienen. Allerdings gebe ich nur gelesene (oder abgebrochene) Bücher ab.
    Verkaufen lohnt sich tatsächlich nicht (und ist bei Rezensionsexemplaren gar nicht erlaubt).
    Und ich muss mich auch nicht rechtfertigen wenn ich Bücher verschenke. Es ist ja nicht so dass ich das Buch vernichte und wenn ich es verschenke hat auch jemand anderer Freude daran.
    In einen Buchkaufrausch bin ich schon lange nicht mehr verfallen (das habe ich mit meiner Jugend hinter mir gelassen), ich versuche durchaus meinen SuB unter Kontrolle zu halten (was bei ebooks nicht so leicht ist, da kann es schonmal zu einer unüberlegten Anschaffung kommen.
    Die meisten meiner Bücher bekommen kein FOREVER HOME bei mir, sie dürfen weiter ziehen …
    Liebe Grüße
    Martin

    1. Hallo Martin,

      für Mode- und Beautyblogs konnte ich mich auch noch nie begeistern. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich keien Schminke benutze und der Jeans-und-Tshirt-Typ bin.

      Ich sortiere inzwischen auch ungelesene Bücher aus, das aber meist nur dann, wenn sich mein Geschmack stark geändert hat. Gelesene Bücher müssen meisten direkt wieder ausziehen.

      Stimmt, daran hatte ich beim Schreiben des Beitrags gar nicht gedacht, dass Rezensionsexemplare meistens unverkäuflich sind!

      Als ich mit dem Bloggen angefangen habe, bin ich ein paarmal in den Buchkaufrausch bei Rebuy der Medimops verfallen, habe aber schnell festgestellt, dass dabei oft Bücher einziehen, die man gar nicht wirklich unbedingt lesen will, sondern die einfach nur gerade billig waren… Aber das ist auch schon ein paar Jahre her, inzwischen passiert mir das so auch nicht mehr.

      LG;
      Mikka

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