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[ Deutscher Buchpreis 2018 Longlist ] Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin

Franziska Hauser Die Gewitterschwimmerin
Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir von Netgalley im Auftrag des Verlags zur Verfügung gestellt.

© Cover ‘Franziska Hauser Die Gewitterschwimmerin’: Eichborn Verlag
© Bild Smartphone: Pixabay


Das Buch stand auf der Longlist der nominierten Bücher, hat es aber nicht auf die Shortlist geschafft.

Handlung

Klappentext:
“Die Hirschs waren Verfolgte, Widerstandskämpfer, Opportunisten, Künstler. Ein Jahrhundert deutsche Geschichte hat sie geprägt, haben sie mitgeprägt. Da durfte man nicht empfindlich sein, es galt, die eigene Haut zu retten. Empfindlich war Tamara zum Glück nie. Stattdessen suchte sie das Abenteuer, die Herausforderung, das Risiko. Doch andere hat die Familie zugrunde gerichtet; eine Schuld, die Tamara nicht verzeihen kann.
Eindrücklich, poetisch und kraftvoll erzählt Franziska Hauser die Lebensgeschichte der bezaubernd eigensinnigen Tamara Hirsch – erzählt damit die Geschichte ihrer eigenen Familie, eine Geschichte aus politischen und persönlichen Fallstricken, bis dem Leser die Luft wegbleibt.”

Triggerwarnung: ein zentrales Thema dieses Buches ist sexuelle Gewalt, die in zahlreichen Szenen ungeschönt beschrieben wird.

Keine leichte Kost

Meine Meinung

Zornig ist sie, die Gewitterschwimmerin, wütet gegen eigenes Leid und das ererbte Leid ihrer Familie. Wenn sie in den See springt, über dem die Blitze zucken, hofft sie darauf, dass endlich, endlich einer einschlägt und alles vorbei ist.

Ihre Geschichte wird kontrachronologisch erzählt, sie beginnt im Jahr 2011 und bewegt sich von dort sprungweise in die Vergangenheit. Immer wieder erinnert Tamara etwas an den Vater, die Mutter, den Großvater, den Onkel, die Haushälterin ihrer Eltern, und dann wechselt die Perspektive zum zweiten Handlungsstrang. Dieser beginnt im Jahr 1889 und verläuft chronologisch, springt in großen und kleinen Sätzen Richtung Gegenwart, bis sich die beiden Handlungsstränge schließlich begegnen und die Vergangenheit die Gegenwart überholt.

Das ist clever konstruiert – man setzt als Leser die bewegte Familiengeschichte Stück für Stück zusammen, bis sich ein schlüssiges Gesamtbild ergibt.

Es ist kein schönes Bild: die Familie mit jüdischen Wurzeln erlebt nicht nur die volle Härte der Nazizeit, sondern ihre Geschichte ist immer wieder und wieder durchwoben von sexueller Gewalt. Die Frauen der älteren Generationen hinterfragen diese nicht, arbeiten nichts auf, sondern geben ihre Wunden und die Gewalt weiter an ihre Kinder.

Eine Familie, der das berühmte Zitat von Tolstoi wie auf den Leib geschrieben scheint: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Über dieses Unglück wird in der Familie Hirsch jedoch nicht gesprochen – alles wird verschwiegen, verdrängt, verleugnet und letztendlich vererbt.

Die jüngere Generation begehrt auf gegen diesen Zyklus der Gewalt.

Während Tamara ihre seelischen Wunden mit Zorn und ätzendem Spott kaschiert, zerbricht Schwester Dasha nach zahlreichen Klinikaufenthalten an den ihren.

Über Tamaras Erzählperspektive wird auch das Thema DDR aufgegriffen: ihre Familie ist privilegiert, mit Urlaubsreisen ins Ausland, als Bonzentochter kann sie sich einen gewissen Grad an Rebellion erlauben – dennoch fühlt sie sich eingesperrt.

“Die Gewitterschwimmerin” ist keine Biographie, es gibt jedoch Parallelen zur Familiengeschichte der Autorin.

In ihren eigenen Worten:

“Die tatsächliche Geschichte meiner Familie habe ich als Grundlage für diesen Roman verwendet, meine eigene Sichtweise entspricht aber nicht der Sichtweise anderer. Einiges habe ich dazuerfunden und möchte in keiner Weise den Anspruch auf Wahrheit erheben. Nicht alle Personen sind mit meiner Ausführung einverstanden, haben aber freundlicherweise der Veröffentlichung in Form des freien literarischen Romans zugestimmt.”

Tamara führt als überzeugende, kraftvolle Ich-Erzählerin durch den Handlungsstrang, der von der Gegenwart in die Vergangenheit verläuft. Sie ist eine sperrige Persönlichkeit und macht es niemandem leicht, sie zu mögen, auch dem Leser nicht, aber man kann sich ihrer Perspektive kaum entziehen.

Die anderen Charaktere wirken in meinen Augen hingegen oft wie klischeehafte Zerrbilder, überzeichnet und reduziert auf wenige Eigenschaften. Die Männer sind Helden und Täter, die Frauen Opfer und Täterinnen, das wird bei aller Überzeichnung geradezu nüchtern erzählt. Besonders die gefühlskalte Mutter als Täterin bleibt daher unverständlich.

Durch den zweiten Handlungsstrang führt ein auktorialer Erzähler – möglicherweise hätte dem Roman eine zweite Ich-Perspektive gut getan.

So aber tut sich eine Kluft auf zwischen Leser und Geschichte.

Dennoch fand ich es zunehmend schwer, die endlose Aneinanderreihung von Szenen sexueller Gewalt zu lesen: es werden zahlreiche Vergewaltigungen und Situationen des Missbrauchs beschrieben, kaum eine Frau in diesem Buch kommt unversehrt davon. Das wirkte auf mich geradezu voyeuristisch – und zu einem gewissen Grad unnötig, denn der Leser hat doch längst begriffen, wie sehr sich sexuelle Gewalt durch die Familiengeschichte zieht.

Der Schreibstil ist da am besten, wo er gewöhnungsbedürftig ist: in der Ich-Erzählung von Tamara.

Ihre Sprache ist oft derb, aggressiv, plump, direkt – aber dadurch auch durch und durch authentisch. Diese Authentizität lassen die auktorial erzählten Szenen  meines Erachtens oft schmerzlich vermissen.

Fazit

“Die Gewitterschwimmerin” ist eine interessant konstruierte Familiengeschichte, die einen weiten Handlungsbogen spannt, vom Dritten Reich über die Zeiten der DDR bis in die Gegenwart. Großvater Friedrich überlebt das KZ Dachau, einer seiner Söhne riskiert sein Leben filmreif als Agent des Widerstands – und dennoch ist es gefühlt vor allem eine Geschichte generationenübergreifender sexueller Gewalt.

Bis auf Protagonistin Tamara erschienen mir die Charaktere als zu plakativ gezeichnet. Gerade die Täter – und die meisten Männer und so manche Frau in diesem Buch sind Täter! – begehen ihre Taten verstörend routiniert und bar jeder emotionalen Tiefe.

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Die Gewitterschwimmerin Wertung Sorgenkind

TitelDie Gewitterschwimmerin
Originaltitel
Autor(in)Franziska Hauser
Übersetzer(in)
Verlag*Eichborn
ISBN*3847906445
9783847906445
Seitenzahl*432
Erschienen am*23. Februar 2018
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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