Lesegelaber

[ Lesegelaber ] Über die Schande

Schande Stapel ungelesener Bücher

© Beitragsbild verwendet Bilder von Pixabay


Dieser Artikel erschien zunächst auf meinem früheren Blogspot-Blog.


Bücher und Schande – wie passt das denn bitteschön zusammen?

Nun, beginnen wir mal mit einem kleinen Rätsel. Von wem spreche ich:

Um ihn im Zaum zu halten, wird er des Öfteren mit einem Verbot oder gar einem Bann belegt. Reicht dies nicht aus, greift so mancher Leser zu aggressiven Mitteln oder verfällt in Verzweiflung: im ersten Fall wird er gekillt, zerstört, vernichtet, im zweiten Fall spricht der Leser von Angst, Scham oder sogar… Richtig, Schande.

Jetzt wisst ihr es sicher: die Rede ist vom SUB (Stapel ungelesener Bücher), den die meisten Buchblogger und Vielleser zuhause haben. Oft beherbergen sie auch dessen Cousin, den RUB (Regal ungelesener Bücher), oder sogar den großen Bruder, den ZUB (Zimmer ungelesener Bücher).

Ist euch auch schon mal aufgefallen, in was für negativen Begriffen wir oft vom SUB reden?

Mir ist das erst vor Kurzem bewusst geworden! Ich habe selber mehr als einmal gesagt, wie peinlich mir mein riesiger SUB sei, oder dass ich beim SUB-Abbau mal wieder versagt hätte. Klar, wenn wir sowas sagen, meinen wir das ja meist eher scherzhaft – aber ich bin doch sicher nicht die Einzige, die sich dabei manchmal wirklich ein bisschen schuldig, beschämt und verunsichert fühlt? Denn das ist so das Ding mit Sachen, die man dauernd im Scherz sagt: irgendwann glaubt das Unterbewusstsein, da müsse doch was dran sein. Diese Autosuggestion kann man benutzen, um sich schlechte Verhaltensweisen ab- oder gute Verhaltensweisen anzugewöhnen, aber oft trainiert man sich Zeug an, das man gar nicht haben will.

Nein, ich möchte jetzt gar nicht gegen SUB-Abbau-Challenges oder ähnliche Aktionen wettern! Die können viel Spaß machen, und es ist sicher auch nicht falsch, sich zwischendurch dazu zu motivieren, mal ein ungelesenes Buch aus dem Regal zu ziehen, statt ein neues zu kaufen.

Ich will nur nach dem Körnchen Wahrheit suchen, das in all dem steckt, und vielleicht hinterfragen, wie wir über manche Dinge sprechen.

Du. Ja, du.

Stresst dich dein SUB? Wenn ja, warum eigentlich? Ist es Platzmangel? Stapeln sich die Bücher überall, so dass du dir für den Staubsauger erstmal einen Weg bahnen musst? Oder sind es Geldsorgen, weil du Geld für Bücher ausgibst, das du eigentlich nicht erübrigen kannst? Das wären tatsächlich zwei Gründe, mal daran zu arbeiten, den SUB abzubauen oder zumindest nicht weiter zu füttern.

Aber oft sind es gar nicht derart pragmatische Gründe, oder?

Fühlst du dich irgendwie verpflichtet? Hast du das Gefühl. andere Menschen gucken dich komisch an oder verurteilen dich? Verbindest du den SUB inzwischen einfach zwangsläufig mit etwas Negativem?

Ich rede jetzt mal nur von Lesern, die sich einen umfangreichen SUB leisten können, ohne Schulden zu machen oder im Messie-Chaos zu versinken – also von Lesern, die niemanden damit schaden, nicht einmal sich selbst. Lesern wie ich selbst einer bin.

Warum fühlen wir uns so schlecht?

Haben wir Angst davor, die Kontrolle zu verlieren? Angst, in den Augen anderer Leser schlecht dazustehen? Warum sind Bücher – wunderbare, wunderschöne Bücher! – der Grund für solch negatives Vokabular und solch negative Gedanken?

Wir sind umgeben von der Verheißung all dieser Geschichten, die es noch zu entdecken gilt! Wir haben jederzeit eine reiche Auswahl. Eine eigene kleine Bibliothek – das ist doch ein Privileg, ein Grund für Freude, für Glück, Stolz, Dankbarkeit.. Nicht für Scham oder Schande.

Wie schon gesagt, es kann durchaus gute Gründe geben, den SUB abzubauen oder wenigstens nicht weiter zu vergrößern. Wenn du dich wirklich nicht wohl damit fühlst oder es dir in irgendeiner Form schadet, dann solltest du natürlich etwas unternehmen, um das zu ändern.

Aber ansonsten spricht doch eigentlich nichts dagegen, den SUB nicht zu vernichten, sondern zu nutzen. Nicht zu zerstören, sondern ihn zu schätzen. Damit möchte ich weder dazu aufrufen, maßlos Bücher zu kaufen, noch dazu, den SUB nicht mehr abzubauen – im Gegenteil. Der SUB will genutzt werden, er will geliebt werden.

Denn so wie der SUB etwas Schönes ist, nämlich lebendige Literatur, ist auch der SUB-Abbau etwas Schönes: nämlich Lesen.

Bisherige Beiträge in der Rubrik ‘Lesegelaber’:

Über den Hype
Über das Belesensein
Über das Abbrechen
Über die Schande
Über die Trennung
Über den Unhaul
Über das soziale Lesen
Über die Diversität
Über die Leserille
Über den Leistungsdruck
Über das Verfallsdatum
Über das Lesezeichen

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8 thoughts on “[ Lesegelaber ] Über die Schande

  1. Danke. Tausend Dank für diese Worte. Meine Regalreihe ungelesener Bücher dankt es dir gerade. Ich meine… mal ehrlich es ist halt einfach so, wie du sagst, man schämt sich irgendwann schon, wenn ein riesiger Stapel Bücher (einfach weil Menschen dir auch einfach ungefragt Bücher schenken!) irgendwo bei dir rumliegt und jeder, der einen Raum bei dir betritt zwangsweise die Frage stellt: “Wow, hast du die alle gelesen.”

    Man schämt sich zugeben zu müssen, dass man den Stapel, der da auf dem Fußboden verstaubt noch nicht angerührt hat und das man vielleicht seine Regale seit Monaten, Jahren nicht aufgeräumt/ausgemistet hat.

    Ich habe lange mit mir gekämpft und mir verboten Bücher, die ich schonmal gelesen habe, nochmal zu lesen, wenn ich Lust auf sie hatte, eben um den SuB abzubauen. Ergebnis: Keine Lust zu lesen. Jetzt lese ich mal ein Gedicht von Vergil und wenn mir nach einem Buch von Cornelia Funke oder Jane Austen ist, dann ist mir egal, ob ich es schon kenne.

    Mittlerweile sortiere ich sogar Sachen aus und verkaufe sie weiter, wenn ich merke: Das Buch und ich… wir verstehen uns einfach nicht. Ich mag es nicht. Das hat lange gedauert, bis ich das konnte. Sehr lange. Mittlerweile bin ich stolz auf mich, dass ich das kann.

    1. Ja, nicht wahr? Ich hab mich irgendwann richtig unwohl mit meinen ganzen ungelesenen Büchern gefühlt und mir gedacht: warum eigentlic?

      Bei mir ist es so, dass fast NUR ungelesene Bücher hier stehen, weil ich die meisten gelesenen Bücher direkt wieder verkaufe, verschenke oder vertausche. Da könnte man ja glatt glauben, wenn man nicht weiß, dass ich einen Buchblog habe, dass ich GAR nicht lese!

      Ich verbiete mir auch nichts mehr, weil das eh nichts bringt! Ich sortiere auch ungelesene Bücher aus, zur Zeit mache ich ja zum Beispiel “Shades of Maybe”, wo ich 50 ungelesene Bücher probelese und aussortiere, was mich nicht überzeugt.

      Das möchte ich übrigens zu einer regelmäßigen Aktion machen, wo andere auch mitmachen können!

  2. Huhu Mikka,
    toller Post!
    Ich habe genau ein RuB & einen Servierwagen voller ungelesener Bücher und darüber darf nichts hinauswachsen – zum einen aus Platzgründen, zum anderen ist es aber einfach auch ein Limit, dass ich mir gesetzt habe.
    Warum ich mit SuB/ RuB etc. manchmal etwas negatives verbinde?
    Das liegt dann daran, dass ich immer wieder neue Bücher drauf packe und all die wunderbaren Geschichten, die da schon schlummern und nur darauf warten von mir gelesen zu werden, immer weiter nach hinten schiebe.
    Da kommt dann noch der Aspekt dazu, dass ich dann gelegentlich an den Bücher, die schon länger auf dem SuB liegen, kein Interesse mehr habe, weil es nicht mehr passt oder mich die Thematik nicht mehr interessiert.
    Dazu brauche ich sie eigentlich nicht zu horten.
    Am Ende meines Lebens möchte ich aber tatsächlich kein übriges ungelesenes Buch mehr haben, denn das würde mich tierisch fuchsen, wenn ich das nicht mehr lesen könnte.

    Grundsätzlich hast du aber recht – eine große Auswahl zu haben ist durchaus schön & es ist eigentlich nichts, was negativ behaftet sein soll!

    Liebe Grüße,
    Linda

    1. Huhu Linda,

      ich finde es inzwischen auch sehr entspannend, wenn ich mir zugestehe, ungelesene Bücher ungelesen auszusortieren – der Lesegeschmack ändert sich nun mal. Seit ich das mache, bin ich wieder viel glücklicher mit meinem SUB!

      LG,
      Mikka

  3. Hallo Mikka,
    erwischt – auch ich hab schlechte Gefühle meinem SUB gegenüber. Ich bin das nicht gewohnt und hatte eher das umgekehrte Problem vor meiner Blogphase.
    Ich kauf diese Bücher ja, weil ich sie lesen will – und auf einmal liegen sie dann auf einem Stapel und es dauert Monate; deshalb habe ich ein schlechtes Gewissen den Büchern gegenüber.
    Eigentlich blöd.
    Deine Argumente gegen ein schlechtes Gewissen find ich aber gut und ich werde jetzt öfters *daran* denken und versuchen, es positiver zu sehen!
    LG,
    Daniela

    1. Huhu Daniela,

      vor meiner Bloggerzeit hatte ich auch nie einen SUB! Zwar habe ich mir manchmal stapelweise Bücher aus der Bibliothek geholt, aber die wurden dann alle gelesen, bevor ich den nächsten Stapel auslieh. Und wenn ich mir ein Buch gekauft habe, habe ich das direkt gelesen.

      Ich mache zwar jetzt eine Challenge, in der es um den SUB geht (“Shades of Maybe”), aber da geht es mehr darum, den SUB-Büchern mal mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als unbedingt SUB-Abbau.

      LG,
      Mikka

  4. Hallo Mikka,

    ein wirklich schöner Beitrag! Ich bin mit meinem SuB eigentlich recht zufrieden, weil ich immer ein bisschen Buchvorrat daheim haben möchte. Wichtig ist mir nur, dass er einigermaßen lebendig ist, sich daher immer durchmischt und manche Bücher nicht allzu lange liegen. (Wobei hier die Definition von lange auch relativ ist. Ich habe etliche Klassiker am SuB – die können ruhig noch warten, ob das jetzt 10 Jahre mehr oder weniger sind, ist für die schon egal ;)).

    Der SuB ist wohl gleichzeitig auch ein Zeichen für Maßlosigkeit – denke ich – und darum ist es manchen unangenehm. Ich persönlich finde meinen SuB klasse. 🙂

    Liebe Grüße,
    Nicole

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