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[ Rezension ] Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer

Dorit Rabinyan Wir sehen uns am Meer

© Titelbild ‘Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer’: Droemer Knaur
© Bild Smartphone: Pixabay


Handlung

“Liat aus Tel Aviv und Chilmi aus Ramallah – in ihrer Heimat wären sie sich wohl nie begegnet, doch in New York, wo Chilmi seit einer Weile als Maler lebt und Liat ein Auslandssemester verbringt, geschieht das Unmögliche: Die Israelin und der Palästinenser verlieben sich ineinander.

In poetischen Bildern schildert Dorit Rabinyan eine Liebe mit Ablaufdatum im eisigen New Yorker Winter, denn Liat hat ihr Rückflugticket bereits in der Tasche. Vielleicht ist es besser so, gibt es doch zu viele Themen, über die sie mit Chilmi nicht sprechen kann. Und ihre Eltern dürfen ohnehin nie von ihm erfahren. Die Liebe allerdings schert sich nicht um möglich oder nicht …”
(Klappentext)

Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer

Meine Meinung

In Israel löste das Buch einen kleinen Skandal aus: landete es im Jahr 2015 noch auf einer Vorschlagsliste für den Lehrplan in Gymnasien, wurde es 2016 vom israelischen Bildungsministerium als Schullektüre verboten – mit der Begründung, die Liebesgeschichte ermutige zu Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden. Das wiederum sei ein Problem, da es Assimilation fördere und die separate israelische Identität beschädige.

Paradoxerweise führte gerade das Verbot dazu, dass sich das Buch umso besser verkaufte.

Das zentrale Thema des Buches, die Frage nach persönlicher Identität im Konflikt mit kultureller, politischer und gesellschaftlicher Identität, traf offensichtlich den Zeitgeist und füllte eine Lücke in der israelischen Gegenwartsliteratur. Autoren wie Amos Oz stellten sich solidarisch hinter die Autorin und ihr Werk.

Dabei könnte es eine Liebesgeschichte wie jede andere sein: die Studentin Liat trifft in New York, wo sie ein Auslandssemester verbringt, den jungen Maler Chilmi und die beiden verlieben sich Hals über Kopf.

Eine stürmische, glühende Liebe, neben der alles andere verblasst – oder?

Liat ist jüdische Israelin, Chilmi muslimischer Palästinenser, daher dürfen ihre Familien und Freunde in der Heimat nichts von dieser Liebe erfahren. Es ist eine Liebe mit Verfallsdatum – Liat hat ihr Rückflugticket nach Israel schon gebucht und hat nicht vor, daran etwas zu ändern. Sie ist nicht bereit, sich zu Chilmi zu bekennen, was einen Bruch mit ihrer bisherigen Identität bedeuten würde.

Die Protagonisten haben einen autobiografischen Hintergrund: Dorit Rabinyan hatte vor vielen Jahren eine Beziehung mit dem Künstler Hasan Hourani, lebte als israelische Jüdin die Liebe zu einem Palästinenser. Auch das Ende des Romans spiegelt wieder, was in Wirklichkeit geschah, dennoch betont sie, dass Liat nicht Dorit ist und Chilmi nicht Hasan.

Auf jeden Fall sind beide Charaktere wunderbar geschrieben – komplex, glaubhaft und authentisch.

Dabei wagt es die Autorin, ihrer Heldin eine große charakterliche Schwäche zu geben: Liat ist feige. Beim leisesten Anflug der Gefahr, ihre Familie könne von Chilmi erfahren, verleugnet sie ihn. Wenn sie beim gemeinsamen Spaziergang einen Bekannten erspäht, lässt sie Chilmis Hand fallen,  dreht sich von ihm weg, geht auf Abstand, vermummt ihr Gesicht. Sogar, wenn sie mit der Heimat bloß telefoniert, bittet sie Chilmi, für zehn Minuten aus ihrem Leben zu verschwinden.

Wenn Chilmi und Liat über den israelisch-palästinensichen Konflikt streiten, stellt sie erschrocken fest, dass sie in patriotische Phrasen verfällt, die sie selber nicht glaubt. Liat macht es dem Leser oft nicht leicht, dennoch lädt sie ihn ein, mit ihr mitzufühlen und sie zu verstehen. Denn trotz allem liebt sie Chimli ehrlich, und letztendlich schmerzt ihr Verhalten sie selbst am meisten.

An einer Stelle sinniert sie wehmütig, dass Chilmi und sie niemals alleine sind mit sich und ihren Gefühlen. Auch in New York, fernab des Konfliktes, steht dessen Geschichte zwischen ihnen wie eine lebende Mauer.

Die Autorin erzählt die Geschichte dieser Liebe in eindrucksvollen Worten.

Der Schreibstil ist ungemein lebendig und farbenfroh, spricht in Bildern voller Atmosphäre alle Sinne an. In ruhigen, nachdenklichen Passagen entwickeln ihre Worte hingegen eine zarte Poesie, die lange nachhallt. Ein Gedicht, das die Realität nie verschleiert, sondern die Konflikte umso deutlicher hervortreten lässt.

Ich fand die Geschichte unwiderstehlich, am liebsten hätte ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Nicht nur die Liebesgeschichte fesselte mich an die Seiten – auch die Einblicke in diesen langjährigen Konflikt, gesehen durch die  Augen zweier Menschen, die auf unterschiedlichen Seiten stehen, sind unglaublich spannend.

Fazit

Liat und Chilmi lernen sich in New York kennen und lieben – aber diese Liebe darf nicht sein. Liats Eltern sind jüdische Flüchlinge aus dem Iran, ihre Familie lebt inzwischen in Tel-Aviv. Chilmis Familie dagegen lebt im palästinensichen Autonomiegebiet Ramallah. Beide Familien wären ohne Zweifel entsetzt über eine Beziehung ihrer Kinder mit ‘dem Feind’. Doch Liat hat ohnehin vor, in wenigen Monaten nach Israel zurückzukehren und Chilmi zurückzulassen…

Dorit Rabinyan erzählt diese zutiefst romantische Geschichte fernab vom Kitsch und beleuchtet den israelisch-palästinensichen Konflikt mal aus einer anderen Sichtweise. Das Buch ist in großen Teilen autobiografisch und löste einen kleinen Skandal in Israel aus, obwohl dies nicht die Absicht der Autorin war.

Achtung: obwohl es eine Liebesgeschichte ist, ist die Geschichte so ungeschönt, wie das Leben sie schrieb – man sollte also keine leichte Sommerunterhaltung erwarten!

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TitelWir sehen uns am Meer
OriginaltitelGader Chaija
Autor(in)Dorit Rabinyan
Übersetzer(in)Helene Seidler
Verlag*Droemer Knaur
ISBN*3426306182
978-3426306185
Seitenzahl*368
Erschienen am*12. Januar 2018
GenreGegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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6 thoughts on “[ Rezension ] Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer

  1. Liebe Mikka,
    Ich habe das Buch auch gelesen und fand es auch unglaublich schön. Die Sprache hat mich richtig verzaubert und der ruhige Erzählfluss hat mir auch gefallen. Auf der Leipziger Buchmesse war ich bei einem Gespräch mit der Lektorin und die Autorin war per Skype dabei. Da habe ich erst davon erfahren, dass das Buch in Israel auf der verbotenen Liste stand. Echt krass. Das würde man bei einer so schönen Geschichte wirklich nicht denken.
    Danke für die schöne Buchvorstellung.
    Liebe Grüße, Julia

    1. Huhu Julia,

      ich fand sehr bewegend, dass es eine wahre Geschichte ist (wenn auch mit kleinen Anpassungen). Wahrscheinlich spielte das auch eine Rolle bei der Entscheidung, das Buch zu verbieten, denn die Autorin hatte sich ja schon genau dieser nicht erwünschten Verbrüderung ‘schuldig’ gemacht…

      Absurd, man sollte meinen, eine Annäherung der Menschen wäre immer etwas Gutes.

      LG,
      Mikka

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