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[ Rezension ] Tana French: Gefrorener Schrei (Hörbuch)

Tana French: Gefrorener Schrei

© Titelbild ‘Tana French: Gefrorener Schrei’: Fischer-Verlag


Handlung

“Die Kollegen in der Dubliner Mordkommission machen der eigenwilligen Antoinette Conway das Leben zur Hölle. Nur ihr Partner Stephen Moran hält noch zu ihr. Als eine junge Frau zu Hause tot aufgefunden wird, sieht alles nach einer schnell aufzuklärenden Beziehungstat aus. Aber warum hat dann jemand aus der Mordkommission ein Interesse, die Ermittlungen zu behindern? Soll Antoinette endgültig aus dem Dezernat fliegen? Weiß außer ihr und Stephen noch jemand, dass sie das Opfer schon einmal gesehen hat? Immer tiefer geraten Ermittler, Verdächtige und Zeugen in einen gefährlichen Vernehmungskreisel.”
(Klappentext)

Tana French: Gefrorener Schrei

Meine Meinung

Dieser Krimi ist weder actionlastig noch blutrünstig, und einen Serienkiller hat er ebenfalls nicht im Angebot. Dessen ungeachtet entwickelt er seine ganz eigene Art von psychologisch tiefgründiger Spannung.

Tana French lässt der Geschichte mit 656 Seiten viel Raum und ihren Charakteren damit ausreichend Zeit, sich zu entwickeln. Sie geht bis ins feine Detail, zum Beispiel wenn es um Verhörtechniken geht. Und sie scheut nicht davor zurück, falsche Fährten oder fruchtlose Verhöre gnadenlos bis zum bitteren Ende durchzuexerzieren.

Mich stört das nicht – schließlich läuft in der Realität bei einer Mordermittlung auch nicht alles wie am Schnürchen!

Dadurch gibt es jedoch Passagen, in denen die Geschichte nur langsam vorankommt. Einzelne Mitglieder unseres Krimilesekreises kritisierten, das Buch sei im Mittelteil zu langatmig.

Vielleicht spielt eine Rolle, dass ich das Buch nicht gelesen, sondern als Hörbuch verschlungen habe, aber ich langweilte mich nie. In den langsamen Passagen lag die Spannung für mich in der Charakterentwicklung und im glasklaren Porträt der zwischenmenschlichen Probleme innerhalb der Mordkommission. Auch die Einblicke in den Ermittlungsalltag fand ich hochinteressant und spannend.

Das Zwischenmenschliche ist in meinen Augen die größte Stärke des Romans.

Tana French vermeidet die üblichen Krimi-Klischees und zeichnet ihre Charaktere bestechend lebensecht und authentisch.

Antoinette Conway ist die einzige Frau im Morddezernat und ihre Haut ist nicht blütenweiß. Deswegen fühlt sie sich von ihren Kollegen nicht nur ausgeschlossen, sondern aktiv gemobbt, und dieses Gefühl geht bis zur Paranoia: Jeder ist gegen sie, jeder will ihr Böses. Daher beißt sie um sich, kontert mit ätzendem Spott und aggressiv-toughen Sprüchen.

Sie ist ein schwieriger Charakter, keine Frage, und ihre ständig negative Einstellung kann einem als Leser durchaus auf die Nerven gehen.

Aber interessant ist sie auf jeden Fall.

Stephen Moran ist der perfekte Gegenpol zu Antoinettes ruheloser Paranoia: er nimmt ihr mit Humor den Wind aus den Segeln und stärkt ihr gleichzeitig den Rücken. Die beiden geben ein eingespieltes Team ab – nicht nur im Verhör, sondern auch, wenn es darum geht, sich gegen Detective Breslin zu behaupten.

Der wurde den beiden jungen, unerfahrenen Ermittlern als Babysitter aufs Auge gedrückt. Er hat in der Mordkommission beinahe Star-Charakter, und das weiß er auch – er ist ein eitler, selbstgerechter Pfau mit windigem Charme. Antoinette und Stephen halten ihn im Zaum, indem sie sich treudoof stellen, ihm zustimmen und hinter seinem Rücken doch ihr eigenes Ding durchziehen.

An dieser Stelle muss ich ein Loblied singen auf Nina Petri.

Ihr gelingt es als Sprecherin fantastisch, jedem Charakter seine ganz eigene Stimme zu geben. Das bringt zusätzlich Leben in die ohnehin großartigen Dialoge – da ist Stephen gleich doppelt so treuherzig und Breslin doppelt so schleimig.

Manchmal verrennen sich Antoinette und Stephan in abstruse Ermittlungsansätze, aber es gibt einige interessante und plausible Wendungen. Mehr und mehr schwant den beiden Ermittlern, dass ihnen jemand aus den eigenen Reihen bei der Ermittlung Steine in den Weg legt. Antoinettes Paranoia schaltet in den Turbogang…

Der Schreibstil ist unverwechselbar – clever, prägnant, mit viel Gespür für Atmosphäre.

Tana French schreibt brillante Dialoge, die Verhöre sind ausgefeilt und voller psychologischer Nuancen. Sie hat ein feines Gespür für ihre Charaktere und deren soziales Umfeld, und das merkt man.

Fazit

Eine junge Frau wird erschlagen in ihrer Wohnung aufgefunden. Der Tisch ist für ein romantisches Candlelight-Dinner gedeckt, eine Beziehungstat liegt nahe. Deswegen wird der Fall den unerfahrenen Ermittlern Antoinette Conway und Stephan Moran überlassen, doch die ahnen schnell, dass mehr hinter der Sache steckt. Allerdings stoßen sie in ihren Ermittlungen bald auf Widerstand innerhalb der Mordkommission…

Das Buch hat mit 656 Seiten einen stolzen Umfang, dabei verläuft die Handlung oft langsam, mit Augenmerk auf den Details der Ermittlung. Dennoch hat es mich mit feinsinniger psychologischer Spannung bestens unterhalten, und auch die Charaktere fand ich sehr gut gelungen. Dazu kommt noch ein rundum gelungener Schreibstil – und beim Hörbuch Nina Petri als exzellente Sprecherin.

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TitelGefrorener Schrei
OriginaltitelThe Trespasser
Autor(in)Tana French
Übersetzer(in)Ulrike Wasel
Klaus Timmermann
Verlag*Fischer
ISBN978-3651024472 (Klappbroschur)
978-3732451364 (ungekürztes Hörbuch / Download)
978-3839815243 (gekürztes Hörbuch / mp3-CD)
Seitenzahl656
Laufzeit Hörbuch22 Stunden und 47 Minuten (ungekürzt)
16 Stunden und 47 Minuten (gekürzt)
Erschienen am*29. Dezember 2016
GenreKrimi & Thriller
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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