#Rezension Sarah Waters: Solange du lügst

Sarah Waters Solange du lügst

© Cover ‘Sarah Waters Solange du lügst / Fingersmith’: Krug & Schadenberg / Virago
© Bild Smartphone: Pixabay

Handlung

Klappentext:
“England im 19. Jahrhundert: Susan Trinder wächst im Waisenhaus der zwielichtigen Mrs. Sucksby auf. Gemeinsam mit dem aalglatten Richard Rivers, genannt »Gentleman«, plant sie einen großen Coup: Als Zofe will sie sich in das Vertrauen der jungen Erbin Maud Lilly einschleichen, um alsbald die Weichen für deren Heirat mit Gentleman zu stellen. Kurz nach der Eheschließung soll Maud dann ins Irrenhaus abgeschoben werden, um an ihr Vermögen zu kommen. Zunächst verläuft alles nach Plan. Selbst die zärtlich-leidenschaftlichen Gefühle, die Susan schon bald für Maud entwickelt, können sie nicht beirren. Doch plötzlich nehmen die Ereignisse eine atemberaubende Wendung…”

Clever konstruierte Gaunergeschichte

Meine Meinung

Dieses Buch habe ich im Jahr 2004 gelesen, weil David Bowie es damals begeistert seinen Fans empfahl. Ich weiß nicht, ob es da noch keine deutsche Übersetzung gab, jedenfalls las ich es auf Englisch (“Fingersmith”) und war erstaunt und begeistert.

Erstaunt, weil ich noch nie ein Buch wie dieses gelesen hatte.

Sarah Waters erzählt eine gut konstruierte Gaunergeschichte mit perfiden Wendungen, ein psychologisches Drama, ein Porträt des harten, schmutzigen Alltags in den Armenvierteln der Zeit – und zugleich die Geschichte von zarten Gefühlen zwischen zwei Frauen in einer Ära, als lesbische Liebe als Perversion oder als Wahnsinn gesehen wurde. Eine ungewöhnliche Kombination, die funktioniert, weil die Autorin nichts beschönigt, dem Leser jedoch mit viel Gespür für zwischenmenschliche Nuancen die Charaktere so vorstellt, dass man sie zwar nicht immer lieben, aber zumindest verstehen kann.

Spannend fand ich schon wenigen Seiten, dass die Geschichte aus einem ganz anderen Blickwinkel erzählt wird, als man es als Leserin gewohnt ist.

In einem Roman von Charles Dickens wäre Susan wahrscheinlich eher die Antagonistin gewesen als die Protagonistin.

Interessanterweise sieht Susan am Anfang des Buches als kleines Mädchen eine Theateraufführung von “Oliver Twist” und erlebt eine Offenbarung:

“Und ich weiß noch, dass mir das erste Mal aufging, wie es zuging auf der Welt: dass es böse Menschen wie Bill Sykes gab und gute wie Mr. Ibbs und solche wie Nancy, die sich in diese oder jene Richtung wenden konnten.”

Auch sie selber wird sich im Laufe des Buches in verschiedene Richtungen wenden.

Susan ist aufgewachsen unter Dieben und Hehlern. Das Einzige, was sie von ihrer leiblichen Mutter weiß, ist, dass diese als Mörderin gehenkt wurde – in den Kreisen, in denen sich Susan bewegt,  keineswegs eine Schande, sondern fast eine Auszeichnung. Sie hat kaum Gefühl für Recht und Unrecht; anfangs lässt sie sich ohne große Skrupel darauf ein, mitzuwirken an einem Komplott, das eine unschuldige junge Frau um ihr Vermögen betrügen und ins Irrenhaus bringen soll, ersonnen von einem Schurken adliger Abstammung, den die Gauner nur “Gentleman” nennen.

Dennoch war ich bereit, Susan weiter zuzuhören, denn sie erschien mir nicht vollends verloren.

Dann trifft sie auf Maud: die stille, sanftmütige, naive Maud, bei der Susan sich als Zofe einschleichen soll, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Und das erscheint so einfach… Nur dass Susan erstens schon schnell das Gewissen plagt, und sie zweitens Gefühle für Maud entwickelt, die sie nicht recht einordnen kann, weil es nicht die Gefühle sind, die in ihrer Sicht der Welt eine Frau für eine andere entwickeln darf. Dabei soll sie Maud doch dazu bringen, Gentleman zu heiraten…

An dieser Stelle hätte das Buch so stereotyp wie verfrüht enden können, Sarah Waters hingegen macht es sich keineswegs so einfach.

Stattdessen wirft man als Leserin einen Blick auf die Seitenzahl und stellt fest, dass man noch nicht mal die Hälfte der Geschichte erreicht hat.Und ab dieser Stelle werde ich nichts weiter über die Handlung verraten – es juckt mir in den Fingern, mehr zu schreiben, aber dies ist ein Buch, bei dem man beim ersten Lesen auf gar keinen Fall vorher zu viel wissen darf. Man muss ungebremst hineinstürzen in das Kaninchenloch.

Lasst. Euch. Nicht. Spoilern.

Seid vorsichtig mit Rezensionen, ich habe ein paar gesehen, die definitiv zu viel verraten.

Daher nur noch kurz:Die Charaktere sind brillant geschrieben, gerade weil die Autorin nicht davor zurückschreckt, ihre Schwächen und charakterlichen Abgründe auszuloten.

Susans Gefühle für Maud sind mehr als ein Gimmick, mehr als nur ein Lippenbekenntnis zur Diversität.Und sie sind auch nicht das Wundermittel, dass Susan über Nacht zu einem guten Menschen macht.

Sie ist eine zwiespältige Frau mit zwiespältigen Gefühlen.

Um über den Schreibstil zu schreiben, muss ich die Übersetzung erwähnen. Diese ist keineswegs schlecht, aber es geht zwangsläufig etwas verloren von der einzigartigen Sprachmelodie des Originals. Auch die Gaunersprache der Zeit lässt sich nur schwer eins zu eins ins Deutsche übertragen – im Original hat der Schreibstil einfach mehr Atmosphäre.

Großartig fand ich, wie Teile des Buches, die von verschiedenen Charakteren erzählt werden, auch vom Schreibstil her deutlich variieren.

Fazit

Buchliebling

Im 19. Jahrhundert lässt sich die junge Diebin Susan auf ein mieses Geschäft ein: sie soll dem Schurken “Gentleman” helfen, eine reiche Erbin zu bezirzen und sie nach der Heirat im Irrenhaus zu entsorgen. Als sie die naive, unschuldige Maud kennenlernt, plagt sie schon bald das Gewissen… Und verwirrende Gefühle, die es ihr noch schwerer machen, ihre Rolle zu spielen.

Ich lese nur selten ein Buch mehrmals.

“Fingersmith” habe ich 2004 im englischen Original gelesen und war beeindruckt. Nun habe ich das Buch noch mal in der deutschen Übersetzung gelesen – “Solange du lügst” – und war wieder beeindruckt, auch wenn in der Übersetzung ein wenig des Flairs und der Atmosphäre verloren geht. Man sollte sich vom Klappentext nicht täuschen lassen: die Handlung ist wesentlich komplexer, als es erst den Anschein hat! Es ist weder ein typischer historischer Roman, noch eine typische Liebesgeschichte, noch ein typischer Krimi… Obwohl es alles das ist.

Wertung4,5 von 5 Sternen
TitelSolange du lügst
OriginaltitelFingersmith
Autor(in)Sarah Waters
Übersetzer(in)Stefanie Retterbush
Verlag*Krug & Schadenberg
Virago
Seitenzahl*736
Erschienen am*15. April 2013 (dtsch.)
GenreHistorischer Roman / #lgbtq+
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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